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Als Darijo vor die Tür trat, ahnte er noch nichts von dem Ausmaß der Gefahr, in der er sich befand. Die Hauptstraße des Dorfes Powtry’s Mill präsentierte sich in ihrer unbefleckten Pracht voller perfekt gepflegter Vorgärten, zweier Gehwege, die so sauber waren, dass man bedenkenlos von ihnen hätte essen können und akkurat nebeneinander aufgestellter Mülltonnen, die sehnsüchtig darauf warteten, von der Abfallverwertung entleert zu werden.

Die Wärme der Mittagssonne legte sich über Darijos Gesicht und sendete einen stechenden Schmerz in seinen Kopf. Der junge Mann strich sich über die Stirn, doch dies linderte das nervige Drücken nicht. Daraufhin schlug er sich mehrfach gegen den Schädellappen, doch auch dies half nicht, sondern bewirkte vielmehr das Gegenteil. Unzufrieden knurrte Darijo und kramte in seinem Gedächtnis nach der letzten bewussten Erinnerung.

Er hatte es ausgenutzt, dass seine Eltern vergangene Nacht außer Haus waren und sich an der Minibar vergriffen. So etwas hatte er noch nie zuvor gemacht, aber wenn man dem Reality-TV glauben konnte, sollte dies seine Trauer um Patricia betäuben. Ein Versuch war es also wert gewesen.

Als er jetzt vor dem Haus stand, wurde ihm bewusst, dass er die erwartete Betäubung wohl größtenteils verschlafen haben musste. Obwohl er nicht mal ansatzweise einen klaren Gedanken fassen konnte, so war die Sehnsucht nach Patricia das einzige Gefühl, das er verspürte. Und dieses war gleich doppelt so intensiv wie noch am Abend zuvor.

Er schritt das zweistufige Türpodest herab und lief den betonierten Weg zur Hauptstraße vor. Er schaute die in der Ferne verschwindende Straße in beide Richtungen hinunter. Es war gespenstig still. Kein einziges Auto fuhr, kein Rasenmäher dröhnte in der Ferne, nicht einmal ein Vogel zwitscherte in einem der Zypressen oder Judasbäume, die bevorzugt in dem Dorf zur Zierde angepflanzt worden waren. Es wirkte, als wäre Powtry’s Mill eine Miniaturstadt unter einer sauberpolierten Glaskuppel.

Langsam erholte sich Darijos Gehirn und einige Zusammenhänge erschlossen sich ihm nach und nach. Dass die Mülltonnen draußen standen, deutete darauf hin, dass Montag war. Seltsamerweise verrieten einige halboffenstehende Deckel, dass die Stadtwirtschaft noch nicht da gewesen war. Es gab seit Jahren einen festgelegten Fahrplan in Vorish-County und Darijo konnte sich nicht daran erinnern, dass überhaupt jemals von diesem abgewichen worden war, seitdem er denken konnte. Die alteingesessenen Menschen waren nicht sonderlich empfänglich für Veränderungen, was die monatlichen Dorfversammlungen zu einem ziemlich unspektakulären Ereignis machten. Wenigstens gab es eine funktionstüchtige, schnelle Internetverbindung, mehr brauchte es nicht, damit Darijo an diesem Ort zufrieden war; wäre da nicht noch diese Sache mit Patricia gewesen.

Wenn heute Montag ist, dachte er, müsste ich eigentlich arbeiten. Beunruhigt blickte er an sich herab und stellte fest, dass er noch immer das übergroße schwarze Shirt und die Adidas-Trainingshose vom Sonntag trug. Gewiss würde seine Unterwäsche ebenfalls noch dieselbe sein.

Er musste unbedingt herausfinden, wie spät es war. Wobei die hochstehende, stechende Sonne ihm bereits bestätigte, dass er längst hätte bei der Arbeit sein müssen.

Ein weiteres Mal lasse ich dir das nicht durchgehen, hatte Mr. Cooper, der Filialleiter des Bashie Drugstores, ihm Anfang letzter Woche angedroht. Zugleich waren diese Worte der Grund dafür, dass Darijo sich jetzt keinen Stress mehr machen brauchte. Wenn er nachher in der Drogerie eintreffen würde, bräuchte er nur die Schlüsselrückgabe quittieren und den Spind leerräumen.

»Shit«, fluchte er und rieb sich die brennenden Augen. Doch zunächst wollte sich Darijo erstmal einen heißen Kaffee genehmigen, vielleicht würde dieser gegen den Kater helfen, wenn es die Schläge gegen den Kopf schon nicht taten. Wie er sich jedoch umdrehte und ins Haus zurückkehren wollte, bemerkte er etwas völlig Untypisches für Powtry’s Mill.

In der Ferne erblickte er nun doch ein einzelnes Auto. Es stand. Jedoch parkte es nicht ordnungsgemäß am Straßenrand oder in einer der Toreinfahrten, sondern zur Hälfte auf dem Bürgersteig. Solche Vergehen wurden in der Nachbarschaft über die Maßen verurteilt, da schließlich jedem Fahrzeug sein angestammter Platz zugeteilt war. Vermutlich war es nur ein Ortsfremder, der die ungeschriebenen Gesetzte der Einwohner nicht kannte, aber da war noch etwas, das Darijos Aufmerksamkeit erweckte.

Der Wagen stand erschreckend nah an einer der Birken, die alle paar Meter die Gehwege an der Hauptstraße säumten. Aus der Ferne konnte Darijo es nicht genau erkennen, aber es war nicht ausgeschlossen, dass er eventuell sogar mit dem Baum kollidiert war. Das würde wohl zum Event des Jahres in Powtry’s Mill gekürt werden und in den nächsten Wochen gewiss Gesprächsthema Nummer eins sein, deswegen konnte er nicht anders und machte sich auf den Weg dorthin.

Darijo war ein wenig wackelig auf den Beinen. Er konnte sich nicht einmal erinnern, ob er in seinem Bett oder irgendwo anders im Haus geschlafen hatte oder was er überhaupt gemacht hatte, bevor er von den Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht geweckt worden war. Für ihn begann der Tag regelrecht vor der Haustür. Wenigstens hatte er sich unterbewusst seine dunkelblauen Sneaker angezogen.

Als Darijo sich dem Auto näherte, wurden seine Augen immer größer. Er konnte es gar nicht fassen. Wo auch immer der Fahrer sein mochte, er hatte den Wagen allen Ernstes gegen die Birke gesetzt.

Er erreichte den alten Daewoo Nexia und blickte durch das Beifahrerfenster ins leere Innere. Bestimmt war der Fahrer auf der Suche nach einer Telefonzelle oder wartete bereits in einem der Nachbarhäuser auf den Abschleppdienst. Er schritt näher heran und betrachtete die eingedellte Front.

Der Schaden war nicht sonderlich groß, der Wagen musste mit minimaler Geschwindigkeit gegen den Baum gerollt sein und wie Darijo feststellte, brauchte das Auto definitiv nicht abgeschleppt werden. Wenigstens war der leichte Crash spektakulär genug, um in ganz Powtry’s Mill die Runde zu machen.

Warum hat der Fahrer den Wagen nicht zurückgesetzt, bevor er verschwand? Diese Frage stellte sich Darijo, während er sich suchend nach dem Fahrzeugbesitzer umblickte. Noch immer war niemand in der Nähe und sein Herumlaufen um das Fahrzeug schien auch sonst keinen zu interessieren.

Dabei war Powtry’s Mill wie die meisten Dörfer des Countys mit zahlreichen Hausfrauen und Rentnern gesegnet, die stets ein Auge auf die Nachbarschaft warfen. Es war schon arg merkwürdig, dass sich bisher niemand an der Unfallstelle eingefunden hatte und er auch sonst niemanden heimlich durch eines der Fenster spähen sah.

Inzwischen war Darijo an der Fahrerseite angekommen und blickte erneut in die Kabine. Ein Lichtblitz zuckte in seinen Augen. Zuerst dachte der junge Mann, dass es eine Reflexion des Rückspiegels war, fand dann jedoch den Gegenstand, der das Licht tatsächlich reflektiert hatte.

Der Autoschlüssel. Er steckte im Zündschloss.

Darijo konnte seinen Augen nicht trauen und brachte sein Gesicht näher an die Scheibe heran. Als er sich dabei mit den Händen an der Fahrertür abstützte, gab diese ein Stück nach. Sie hatte einen Spalt offengestanden und Darijo hatte sie versehentlich ins Schloss gedrückt.

Nun setzte er einen skeptischen Blick auf. Allmählich beschlich ihn das Gefühl, dass jemand den Wagen hier abgestellt und anschließend geflüchtet war. Wahrscheinlich hatte sich das herrenlose Fahrzeug anschließend selbst in Bewegung gesetzt und war gegen den Baum gerollt

Warum sollte jemand aus seinem Auto aussteigen und zu Fuß abhauen? Das war die nächste Frage, die sich Darijo stellte. Und als er nach möglichen Antworten suchte, überkam ihn ein beschämtes, unbehagliches Gefühl. Aufgewühlt trat er einen großen Schritt von dem Daewoo zurück und griff sich an die noch immer schmerzende Stirn. Er konnte sich nicht daran erinnern, was letzte Nacht alles geschehen war. Was, wenn er etwas damit zu tun hatte? »War ich das etwa?«

Wie ein flüchtiger Räuber blickte er sich um und befürchtete, dass er jeden Augenblick überführt werden würde. Sein Herz raste beim Gedanken daran, was er vergangene Nacht noch alles angerichtet haben könnte. Dabei war es schon schlimm genug, dass vor ihm dieses mit einem Baum kollidierte Auto stand.

Er entschied sich, schnellstens zum Haus zurückzukehren. Wenn er wirklich dafür verantwortlich war, würden ihn die Konsequenzen schon noch früh genug einholen, auch wenn er nicht dort verharrte. Er machte auf dem Absatz kehrt und noch während er den ersten Schritt machte, ertönte das erste Geräusch, das er am heutigen Tag vernahm. Es kam aus weiter Ferne.

Ein Schrei, erkannte Darijo. Er klang nicht vorwurfsvoll und galt offensichtlich nicht ihm. Vielmehr wirkte er wie ein verbitterter Hilferuf.

Noch ein Aufschrei folgte. Der Ursprung lag in seinem Rücken, weiter weg von seinem Elternhaus. Die Umstände ließen ihn mit sich hadern. Er selbst war völlig aufgewühlt wegen des verdammten Whiskeys, den er getrunken hatte und den unbekannten Dingen, die er während des Filmrisses angerichtet hatte. Aber als den Schreien ein todesängstliches ›Hilfe‹ folgte, reagierte Darijo nahezu intuitiv.

Der junge Mann war vielleicht kein Samariter, aber als er die Stimme eindeutig zuordnen konnte, gab es nichts, worüber er nachdenken musste. Er drehte sich um und rannte los.

»Patricia, ich komme!«, brüllte er, so laut er nur konnte.


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