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Der gesamte Oberkörper war wie ein hinderlicher Klotz, der störend an Darijos geschwinden Beinen festhing. Sein Gehirn arbeitete nur noch auf rudimentäre Weise. Seine ganze Aufmerksamkeit galt den eigenen Schritten.

Er hatte die menschenleere Hauptstraße von Powtry’s Mill verlassen und sprintete über einen der Landwirtschaftswege am Dorfrand, den Blick konzentriert auf die zwei Reifenspuren gerichtet. Er übersprang herumliegende Äste und wich größeren Steinen aus, die sich auf dem Feldweg angesammelt hatten. Wie ein Sonar suchten seine Ohren nach einem weiteren Ausruf von Patricia, der Aufschluss über ihre genaue Position gab.

Er folgte der kleinen Wegbiegung und das Gerüst eines alten pyramidenförmigen Werbemasts kam zum Vorschein. Am oberen Ende des Turms durchstachen zwei im rechten Winkel aneinandergereihte Werbeplakate den wolkenlosen, leuchtblauen Himmel, und machten Reisende auf Bashie Drugstore und die christliche Glaubensgemeinschaft Powtry’s Children aufmerksam.

Der Werbeturm war noch gut einhundert Meter entfernt, und obwohl Darijos Augen nicht die besten waren, erkannte er jemanden mit hellblauem Oberteil auf einer der unteren Gerüststangen stehen.

Der Adrenalinstoß brachte ihn unermüdlich voran und der Turm wurde Schritt für Schritt größer. Der Kopf der Person wurde nun deutlicher und die herumwirbelnden feuerroten Haare verrieten ihm sofort, dass er Patricia gefunden hatte.

Unmittelbar bei ihr stand noch jemand. Zuerst war er Darijo gar nicht aufgefallen, doch nachdem er fast die halbe Strecke hinter sich gebracht hatte, entdeckte er auch den mutmaßlichen Grund für Patricias Hilfeschrei.

Es musste irgendein perverser Typ sein. Darijo sah, wie er gierig mit den Händen nach Patricia grapschte.

»Ey, du Arschloch. Lass die Finger von ihr«, röhrte Darijo ihm entgegen.

Dieser reagierte nicht darauf, sondern raffte weiterhin besessen nach Patricias Beinen.

Patricia hingegen hatte seinen Ruf bemerkt und ließ kurzzeitig den Blick von dem Kerl unter ihr ab.

Trotz der Entfernung konnte Darijo das Entsetzen in ihren Augen erkennen. Todesangst spiegelte sich in ihnen wieder. Er legte einen Zahn zu. Er wollte ihr helfen und das so schnell wie nur irgendwie möglich. »Heyyyy«

Diesmal hatte der Schrei die erhoffte Wirkung. Der Perverse neigte erst den Kopf, dann den restlichen Körper zu ihm um. Gleich darauf ließ er von dem Turmdrahtgestell ab und wählte Darijo als sein neues Ziel.

Nachdem der junge Mann die Aufmerksamkeit des Fremden auf sich gezogen hatte, gönnte er seiner ausgepowerten Lunge eine kleine Entlastung. Er wechselte vom irrsinnigen Sprint in ein entschlossenes Vorwärtslaufen, während er am defekten Traktor samt Anhänger vom alten Charles Howard, dem das Ackerland gehörte, auf dem der Werbeturm stand, vorbeiging.

Zugleich machte er sich nun erstmals Gedanken darüber, was überhaupt als Nächstes passieren würde. Er war zwar Patricia zur Hilfe geeilt, aber selbst im ausgeruhten, fitten Zustand wäre er kaum zu einer körperlichen Auseinandersetzung imstande gewesen. Ganz zu schweigen in der jetzigen Situation, in der sein Herz aus dem Brustkorb zu springen drohte und sein Kopf vom Alkohol dröhnte. Wenn er jemals irgendwen verdroschen hatte, dann nur in der virtuellen Welt seiner Xbox. Doch jetzt war er hier und musste Stellung beziehen. Er musste nun ein Mann sein, vor allem, weil Patricia einen guten Ausblick auf den bevorstehenden Kampf hatte, aus dem er als Sieger hervorgehen musste, um noch eine Chance bei ihr zu haben. Verlor er ihn und ginge bewusstlos zu Boden, würde sich der verdammte Scheißkerl anschließend erneut mit Patricia befassen. Das musste er verhindern, komme, was wolle.

Je näher sich Darijo und der Fremde kamen, umso mulmiger wurde es ihm. Eine gnadenlose Zielstrebigkeit ging von dem anderen Kerl aus, als würde dessen einziges Lebensziel darin bestehen, aus dem unvermeidbaren Kampf als Gewinner hervorzugehen. Seine Bewegungen waren eigenartig und hatten spastische Züge. Der Typ war zwar schnell, aber sein Gang entsprach vorwiegend dem eines Sturzbetrunkenen.

»Verschwinde von hier«, sagte Darijo, obwohl er sich schon denken konnte, dass diese mickrige Aufforderung nur auf taube Ohren stieß.

Der hinkende Kerl quittierte es mit Grunzen und Stöhnen.

Es mochte nicht sonderlich niveauvoll sein, aber es machte trotzdem Eindruck auf Darijo. Und da war noch etwas Schlimmeres. Etwas, das ihm unvermittelt zurückweichen ließ und ihm große Furcht einjagte.

Der Typ hatte kaum noch etwas Menschliches an sich. Sein Kopf war ramponiert, als wäre er mehrfach gegen eine Wand gelaufen. Getrockneter Dreck und auch Blut klebten im bleichen Gesicht der Person. Die armeegrüne Jacke war löchrig und an den Ärmeln zerrissen.

Darijos Hände ballten sich zu Fäusten und wirbelten vor seinem Brustkorb herum, während er unsicher zurückwich.

Unbeeindruckt schritt der Mann weiter auf Darijo zu. Die Entfernung wurde immer kleiner und das zerkratzte Gesicht bot neue beängstigende Details. Die an mehreren Stellen aufgeplatzten Lippen besaßen eine graue Färbung. Sein Mund stand leicht offen und unmenschliche Laute zischten hinter den dunkelgrauen Zähnen hervor.

Inzwischen verstand Darijo, was Patricia zum Schreien bewegt hatte. Er selbst war kurz vorm Durchdrehen. Panisch machte er einen weiteren Schritt zurück. Beinah wäre ihm einer der herumliegenden Äste zum Verhängnis geworden, als er rückwärts zu fallen drohte. Doch er konnte seinen Schwerpunkt gerade so noch aufrechterhalten.

Der Fremde streckte nun die Hände nach Darijo aus und war nicht mehr als fünf Meter entfernt. Beim Rückwärtsgehen suchte Darijo durchweg eine günstige Angriffsmöglichkeit. Es bot sich jedoch keine vielversprechende.

Vielleicht war der Traktoranhänger eine Hilfe. Wenn ihn seine Intuition nicht trügte, musste er schon fast da sein. Gerade als er sich nach der unbrauchbaren Landmaschine umschauen wollte, stolperte er über eine bullige Metallkette, die im Acker lag.

Er knallte heftig mit dem Rücken und Hinterkopf auf die trockene Erde und hatte Glück, dass sein Schädel nicht mit der rostigen Stange kollidierte, die irgendjemand beim Heck des Anhängers abgelegt hatte.

Es verging keine Sekunde, und Darijo hatte sich nicht einmal richtig orientieren können, da tauchte bereits der Kerl in seinem Blickfeld auf und machte sich über ihn her. Er beugte sich nach vorne und ging neben ihm auf die Knie.

Verzweifelt schrie Darijo auf, winkelte das linke Bein an und trat aus. Er erwischte den Angreifer an der Schulter und brachte ihn damit ins Straucheln. Doch das genügte bei Weitem nicht. Kurz darauf war der knurrende Typ wieder da und startete eine neue Attacke. Scheinbar wollte er Darijo nicht schlagen, stattdessen brachte er seinen Kopf bedrohlich nah an Darijos Brustkorb heran.

Darijos Herzschlag glich nun einer Rüttelplatte. Er wollte größeren Abstand zu dem Fremden aufbauen und legte seine Hände flach auf die trockene Erde, damit er sich wegschieben konnte. Doch dies gelang ihm nicht, da eine Hand auf seinen Solarplexus drückte. Sofort überkam ihn eine widrige Übelkeit. Die nächste Offensive war nun im Gange und entschlossen fletschte der Kerl die Zähne, während er den Kopf abermals auf Darijo zubewegte.

Der auf dem Rücken liegende, junge Mann strampelte hilflos mit den Beinen. Die aufliegende Feindeshand verhinderte, dass er sich weit genug zur Seite drehen konnte, um ihn erneut einen deftigen Tritt zu verpassen.

Hilflos tastete Darijo mit beiden Händen über den Ackerboden. Er suchte nach einem festen Halt, um sich dann irgendwie aufzubäumen, damit der Angreifer in der Reichweite eines Faustschlages war.

Nun erkannte Darijo die wahre Absicht des Fremden. Er hatte den Mund weit aufgerissen und mit den Augen fixierte er seine Schulter. Er wollte ihn beißen.

Darijos Unaufmerksamkeit, die zum Sturz geführt hatte, war sein Todesurteil gewesen. Er hatte sich dabei in eine ausweglose Situation manövriert. Seine einzige Hoffnung war Patricia. Doch er glaubte selbst nicht dran, dass sie sich auch nur in die Nähe dieses Verrückten begeben würde. Wenn sie so schlau war, wie er immer gedacht hatte, hatte sie bereits die Flucht ergriffen und war schon längst weg, bevor der horrende Kampf gleich vorbei sein würde. Wenn dem so war, hatte er ihr in dieser Situation wenigstens das Leben gerettet. Diese Tatsache schenkte ihm ein wenig Trost.

Als ohnehin alles zu spät war, ertastete er die rostbraune Metallstange, die neben ihm lag. In einem letzten Akt der Verzweiflung ergriff er sie und schlug mit ihr auf den Kannibalen ein.

Der erste Versuch war gleich ein Treffer, dem ein unheilvolles Knurren folgte. Er genügte nicht, um den Angreifer von seinem Vorhaben abzubringen, aber immerhin ließ er die Hand nun von seinem Bauch, was Darijo einen etwas größeren Handlungsspielraum einbrachte.

Dieser fackelte nicht lange, er umklammerte die Metallstange so fest er nur konnte und katapultierte sie gegen den Kopf des taumelnden Kerls. Darijo hatte so etwas nicht für möglich gehalten und schon gar nicht damit gerechnet, aber der Hieb stieß die Person nicht von sich weg, vielmehr durchbohrte die Stange dessen seitliche Schläfe. Er spürte nicht nur, sondern hörte genau, wie sie sich nacheinander durch Schädelknochen, Stirnlappen, Großhirnhemisphäre und Zwischenhirn durcharbeitete.

Sämtliche Bewegungen stoppten abrupt und der Körper des Mannes erschlaffte innerhalb eines Wimpernschlags. Der leblose Torso erlag der Schwerkraft und sackte langsam herab. Darijo hatte nicht genug Kraft, um das gesamte Gewicht des Toten mittels der Stange zu halten, und konnte nur zusehen, wie dessen Oberkörper schleppend auf ihn herabfiel.

Darijo reagierte mit einem angewiderten Aufschrei, während der Körper auf ihn sank. Er lag einige Sekunden regungslos da mit weit aufgerissenen Augen und unruhiger, tiefer Atmung, die seinen Brustkorb hob und wieder absenkte.

Dann tauchte Patricia auf und vergewisserte sich über Darijos Zustand. Verhalten und zittrig beugte sie sich über die beiden Männer.

»Helf mir«, flehte Darijo sie an. Mit Patricias Unterstützung konnte er den Kerl beiseite hieven. Es war ein Gefühl voller Erleichterung, als er nicht länger in Kontakt mit diesem Monster war.

Darijo richtete sich auf und stellte erschrocken fest, dass er sich unbewusst eingenässt hatte. Zugleich war er froh, dass die Adidas-Trainingshose schwarz war und dieser absolut peinliche Umstand eventuell nicht von Patricia bemerkt wurde. Er atmete tief durch und stand schließlich komplett auf. Schnell legte er die Hände vor seinem Becken ineinander und bedeckte damit die nasse Stelle.

»Danke.« Patricia sagte es mit einer Erkenntlichkeit, die Darijo kurzzeitig wie den Helden in einem Märchen vorkommen ließ. Es war mehr als nur ein Wort. Mehr als nur Dankbarkeit. Sie verdankte ihm ihr Leben.

»Das war doch nichts«, untertrieb er maßlos und schenkte ihr ein Nicken. Daraufhin betrachtete er den Toten zu ihren Füßen. »Ist das nicht Mr. Finley?«

Patricia zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube schon.«

»Was ist mit ihm passiert?«

Darauf hatte Patricia keine rationale Antwort. »Woher soll ich wissen, warum er plötzlich zum Menschenfresser geworden ist?«

Dies ließ Darijo aufhorchen. Er drehte seinen Kopf zu Patricia und musterte sie überrascht. »Wollte er dich auch beißen?«

»Deswegen habe ich geschrien. Als ich bemerkte, dass er nicht er selbst war, bin ich sofort abgehauen. Er war so schnell. Der Werbeturm war meine einzige Hoffnung.«

Darijo nickte. »Er hat dich also bis hierher verfolgt?«

»Ja. Zum Glück ist er mir nicht nachgeklettert«, sagte sie erleichtert.

»Oder er konnte es nicht«, merkte Darijo an.

»Wenn er es getan hätte, wäre deine Hilfe zu spät gekommen. Ich wäre keine Stange weiter hochgeklettert, so viel steht fest.«

Darijo erinnerte sich daran, dass sie ihm einst von ihrer höllischen Höhenangst erzählt hatte. Damals hatte er sich darüber lustig gemacht, doch heute hätte sie ihr beinahe das Leben gekostet. »Es ist noch einmal gut gegangen, und allein das zählt.«

Patricia konnte dies nur bestätigen. »Ich bin heilfroh, dass es jetzt vorbei ist.«

»Nicht nur du.« Darijo machte eine kurze Pause, dann blickte er wieder auf den Leichnam herab. »Was ist mit ihm passiert? Das war echt verdammt gruselig.«

»Es war grauenvoll«, korrigierte Patricia.

»Oh Gott«, sagte Darijo und tippte Patricia an.

Sie sah von dem Toten auf, schaute zuerst auf Darijo, dann aber folgte sie seinem Blick.

Was sich vor ihnen bot, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren.

Die beiden beobachteten, wie eine Meute zu ihnen hin stolperte. Da waren die Hausfrauen und Rentner, die Darijo vorhin beim Daewoo so schmerzlichst vermisst hatte. Doch als er ihren jetzigen Zustand erkannte, der genauso verrückt war wie der des Toten vor ihnen, konnte er getrost auf ihr Erscheinen verzichten. »Zum Turm?«

»Ich steige da nicht noch einmal hinauf. Definitiv nicht!«, erklärte Patricia.

»Selbst wenn ich dich da rauf bekäme, würden wir wohl niemals wieder lebend herunterkommen«, merkte er an und verwarf damit seine ursprüngliche Idee.

»Dann sollten wir schleunigst weg von hier.«

»Check«, stimmte er zu. »Im Dorf steht ein Auto, das wir nehmen können.«

Verdutzt blickte Patricia Darijo. »Zuerst muss ich nach Hause. Nachsehen, ob alles in Ordnung ist.«


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