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Darijo konnte Blut in seinem Hals schmecken. Es war bitter und kratzte unangenehm. Jeder Schritt war eine Qual, doch die Angst vor der grölenden Menge im Rücken war um ein Vielfaches größer.

Der Junge bildete das Schlusslicht des Trios. Patricia und ihre weinende Schwester Valesca rannten Hand in Hand vor ihm. Keiner von ihnen drehte sich zu ihm um, aber er konnte es ihnen nicht verübeln. Er schaffte es selbst nicht, nach den Verfolgern zu schauen.

Die fordernden Schmatz- und Stöhngeräusche waren das Einzige, das er hören konnte. Sie wurden immer lauter. Bald würden sie ihn schnappen und zu Boden werfen. Ein schrecklicher Gedankenblitz schoss in seinen Kopf, und in seiner Vorstellung sah er sich bereits unter einem Haufen von Verrückten liegen, die ihn bei lebendigem Leib fraßen. Schnell konnte er den Gedanken vertreiben, sein ganzer Körper zitterte aber weiter.

Er musste sich umdrehen, andernfalls brachte ihn die furchtbare Ungewissheit um. Wenn er schon sterben musste, wollte er dem Ende wenigstens entgegensehen. Er erhaschte einen flüchtigen Blick über seine Schulter und sah, dass sie sich ein gutes Stück von den Verfolgern abgesetzt hatten.

Vor Erleichterung stieß Darijo einen tiefen Atemzug aus und schaute wieder nach vorn auf die Endlosigkeit der Hauptstraße Powtry’s Mills. Noch nie war sie ihm so lang vorgekommen.

»Wir schaffen es.« Seine Stimme war nicht mehr als ein heißeres Krächzen. So brüchig, dass sie ihm selbst fremd erschien. Patricia und ihre Schwester reagierten nicht darauf, sie rannten einfach weiter. Ihre Hände waren ineinandergehakt wie zwei Glieder einer Kette. Unzertrennlich.

Vermutlich würden sie es nicht einmal mitbekommen, wenn Darijo zurückfallen würde. Verständlich, denn sie waren völlig aufgelöst. Sie hatten soeben ihre Eltern an diese Monster verloren. Ihre Mutter war vom Dach gestürzt beim Versuch, ihre kleine Tochter zu beißen. Von solch krankem Zeug konnte man nur durchdrehen. Er hatte bisher höchstens von so etwas Verrücktem geträumt, und das hatte ihm schon gereicht.

Aus Reflex wäre er am liebsten gegen eine der ausgewachsenen Zypressen gerannt, um aufzuwachen. Doch mit jedem weiteren schweren Ausatmen verstand er mehr, dass dies kein Traum war. Seine dunklen Vorstellungen waren ihm in die reale Welt gefolgt und hatten sich zu echten Gefahren manifestiert.

In der Reihe der gewöhnlichen Einfamilienhäuser mit ihren gepflegten Vorgärten kam nun auch sein Heim zum Vorschein. Nichts schien sich verändert zu haben. Die Mülltonnen standen abholbereit am Wegrand und die Straße vor ihnen wirkte nahezu steril. Auch das verlassene Auto stand unberührt vor dem Baum.

»Dort ist es.« Darijo hatte all seine Kraft in die Stimme gelegt. Trotzdem war sie gehaltlos und rau, als hätte er in seinem Leben unentwegt Pall Mall geraucht.

Wie vom Teufel besessen rannten die drei auf das Ziel zu. Der Abstand zu den Verfolgern betrug gut zweihundert Meter, doch ein Gefühl von Sicherheit war nicht einmal annähernd in Darijo zu finden. Erst wenn sie diese verrückte Stadt hinter sich gelassen hatten, konnten sie durchatmen.

Darijos Blick folgte seinem Elternhaus, als er vorbeirannte. Ihm überkam der Wunsch hineinzueilen und einige seiner Sachen zu holen. Klamotten, Handy, Laptop. Doch das angsteinflößende Knurren und Stöhnen im Rücken vertrieben diesen Wunsch. Mit gerunzelter Stirn und verzweifeltem Blick verabschiedete er sich von seinen paar Habseligkeiten und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Er musste jetzt für die beiden Mädels da sein, das war seine einzige Aufgabe. Zumindest fühlte er sich für sie verantwortlich.

Es dauerte nicht lange, da erreichten sie den Wagen. Patricia zerrte entschlossen am Griff der hinteren Tür auf der Fahrerseite. Ihre Haltung offenbarte größte Angst. Hätte sie sich getraut, ihre Schwester loszulassen, würde sie mit beiden Händen all ihre Kraft einsetzen, um die Tür aufzubekommen.

Darijo ging an ihnen vorbei zur Fahrertür, die noch immer den kleinen Spalt offenstand. Er riss sie auf und griff im Inneren nach dem Entriegler der hinteren Tür.

Gleich darauf sprang die Tür unter Patricias Ziehen auf, und sie half ihrer kleinen Schwester auf die Rücksitzbank.

Darijo war noch nicht eingestiegen. Er wartete, bis die beiden im Wagen saßen. Patricia hatte einige Schwierigkeiten wegen der festen Umklammerung von Valesca. Er konnte ihr ansehen, dass sie sie nicht loslassen wollte. Ein kurzer Blick in Valescas zittrige Augen verrieten auch den Grund dafür. Für sie musste es die Hölle auf Erden sein. Allein das Erlebnis mit ihrer Mutter würde wohl auf ewig ein Brandmal hinterlassen. Als Valescas verlorener Blick ihn traf, erschütterte ihn das bis ins Mark. Ihre Seele war wie ein Ozean voller Furcht.

Gebannt schaute er das kleine Mädchen an und wünschte sich, er könnte ihr die schrecklichen Erinnerungen nehmen. Er wünschte, er könnte ihr all das Leid ersparen. Als er sich umdrehte, um den Vorsprung vor den Monstern zu prüfen, wusste er, dass noch viel Schmerz auf dieses unschuldige Kind wartete.

Inzwischen saß auch Patricia auf der Rücksitzbank und drückte ihre kleine Schwester fest an sich. Sie schützte das Gesicht der Kleinen, damit sie das Unheil nicht länger mit ansehen musste.

Darijo warf die Tür zu und wollte ebenfalls einsteigen. »Schnallt euch an«, sagte er, den Kopf in die Fahrerkabine gesteckt.

Im selben Moment erschrak er fast zu Tode, als eine Gestalt hinter der Motorhaube auftauchte und sich hochschraubte. Er schrie auf, vor Schreck machte er einen Satz zurück und stolperte über eine Erhebung. Er versuchte, sich noch an der offenstehenden Fahrertür festzukrallen, aber vergebens. Er stürzte zu Boden auf den Asphalt. Die Erhebung kam von einer kräftigen Wurzel, die unter der Straße verlief.

Schnell richtete er sich wieder auf, doch das Monster hatte sich schon auf die Motorhaube geworfen, die Hände zielstrebig ihm entgegen gerichtet.
Ein Schrei des Ekels entfuhr Darijo, als er sah, dass der Hals des Mannes von einer weit aufgerissenen Fleischwunde durchzogen war. Die Haut des Monsters hatte einen unnatürlichen Graustich, der zusammen mit dem vielen Blut aus der offenen Fleischwunde stark an einen ausgehungerten, zerbrechlichen Aasgeier erinnerte.

Darijo wollte durch die offene Tür ins Auto springen und sie schnell hinter sich zuziehen, aber die grapschenden Hände des Mannes ließen ihn zögern.

Mit jeder verstreichenden Sekunde schob sich das Monster weiter über die Motorhaube und stürzte schließlich mit dem Kopf voran neben die Fahrertür. Darijos Chance war verstrichen, jetzt kam er definitiv nicht mehr an ihm vorbei. Er drehte sich zu den anderen Verfolgern um. Sie hatten schon ein beachtliches Stück aufgeschlossen und waren inzwischen bedrohlich nah.

Noch hatte er die Möglichkeit davonzurennen. Das wäre das Sicherste gewesen, aber er konnte Patricia und Valesca nicht allein lassen. Sie würden das niemals überleben. Nur er konnte sie retten.

Darijo hörte ein angsterfülltes Schreien. Valesca hatte sich aus Patricias Schutz herausgewunden und sah, was vor sich ging. Sie konnte die schwere Verletzung am Hals des Grauhäutigen deutlich erkennen. Es war ein Anblick, den Darijo nicht ertragen konnte, und für das kleine Mädchen musste es noch tausendmal schlimmer sein.

Das Monster reagierte sofort darauf und wandte sich von Darijo ab. Sein Interesse galt Valesca. Verzweifelt versuchte Patricia, ihr den Mund zuzuhalten. Aber jetzt war es zu spät. Der Mann steckte seinen Kopf durch die Fahrertür und war nur noch eine Armlänge von den beiden Mädels entfernt.

Darijo reagierte sofort und gab dem Typen einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten. Er hatte so fest zugetreten, dass sein Fuß augenblicklich schmerzte. Doch den Mann interessierte das kein bisschen. Er war völlig auf die Mädels fixiert.

»Lass sie in Ruhe«, krächzte Darijo. Er trat erneut zu, diesmal traf er die Kniekehle, und der Mann zuckte zusammen. Ein lautes Knacken deutete darauf hin, dass irgendwelche Knochen brachen. Er wusste nicht, wie er es geschafft hatte, aber das würde dem Kerl definitiv aufhalten. Er trat abermals zu und zertrümmerte auch die zweite Kniekehle.

Das Monster hatte zwar große Schwierigkeiten und zweifelsohne höllische Schmerzen, aber es hörte einfach nicht auf, nach den Mädchen zu fassen. Es hatte einen unbändigen Willen.

Irgendetwas musste Darijo einfallen. Er packte den Fuß und wollte den Kerl aus dem Auto zerren.

Widerspenstig krallte er sich am Türrahmen fest.

Darijo zog so fest, wie er konnte. Und es schien zu funktionieren. Ein undefinierbares, seltsames Geräusch erklang. Dann brach der Widerstand plötzlich komplett ab. Der Körper des Monsters schien zu erschlaffen und Darijo stürzte nach hinten.

Er schlug heftig mit dem Rücken auf der Straße auf. In den Händen hielt er den Unterschenkel des Mannes. Er hatte ihn komplett abgerissen und blutige Muskelstränge und Sehnen hingen heraus.

Schockiert warf Darijo den Unterschenkel zur Seite. Dabei spritze ein Schwall Blut auf seine Stirn. Schnell rappelte er sich auf und streifte den Ekel von seinen feuchten Händen an seiner Kleidung ab. Es schüttelte ihn am gesamten Körper. Es war einfach widerlich.

Der Mann lag bäuchlings auf der Straße. Die Hände hatte er noch immer am Türrahmen angelegt. Trotzdem schien ihn das alles nichts auszumachen. Er versuchte auch weiterhin, sich ins Auto zu schieben.

Reglos stand Darijo da. Er konnte nicht rational denken. Das Stöhnen der Verfolgergruppe wurde immer lauter und jeden Moment würden sie ihn überrennen. Er hatte keine Zeit mehr.

Aus dem Auto drang ebenfalls fürchterliches Geschrei. Auch Patricia war in Panik. Sie hatte die Beherrschung verloren. Kein Wunder, bei dem Irrsinn, der gerade vor ihnen geschah.

Darijo ging auf das Monster zu und packte es am Hinterkopf. Seine Haut fühlte sich alt und labbrig an. Unnatürlich. Unmenschlich. Darijos Finger bohrten sich in den Schädel, als wäre er eine Bowlingkugel.

Noch nie hatte Darijo etwas so Widerliches getan. Er glaubte, dass seine Fingerkuppen das Großhirn berührten. Er zog den Kopf des Mannes zurück und schleuderte ihn mit voller Wucht auf den Asphalt. Dann ein zweites und noch ein drittes Mal.

Es klang, als würde eine Wassermelone auf dem Boden zerplatzen. Und bei jedem Aufprall schob sich seine Hand tiefer in den Kopf des Monsters.

Aber es hatte funktioniert. Dieser Unmensch bewegte sich nicht mehr. Er war tot. Zumindest hoffte Darijo das.

»Pass auf!« Patricias Kreischen ließ Darijo zusammenfahren.

Er kannte den Grund des Schreies. Die Verfolger hatten ihn erreicht. Er drehte sich nicht nach ihnen um, sondern machte einen großen Satz nach vorn über den Toten und sprang ins Auto. Schnell umklammerte er den Türgriff und zog die Tür heran. Sie knallte wuchtig gegen den Kopf des Toten.

Hektisch versuchte Darijo es erneut. Er öffnete sie etwas und zog sie dann mit beiden Händen so kräftig wie möglich zu sich. Wieder blieb sie am oder im Kopf des Toten stecken.

Darijo schaute auf und sah die stöhnende Menschenschar direkt vor der offenen Autotür. Nur noch der leblose Körper trennte sie voneinander.

Darijo tastete unter das Lenkrad und bekam den Autoschlüssel zu fassen. Er steckte zum Glück noch im Zündschloss. Er drehte ihn, und der Motor jaulte kurz auf. Das Auto startete beim ersten Versuch. Er legte den Rückwärtsgang ein, und als er aufs Gas treten wollte, spürte er eine morsche, langgliedrige Hand an seiner linken Schulter.

Verzweifelt schrie er auf und versuchte, die Hand wegzustoßen. Aber wie schon das Monster zuvor besaß auch dieses eine ungeheure Beharrlichkeit.

Direkt nachdem Darijo die Hand abgestreift hatte, war sie schon wieder da. In letzter Sekunde trat er das Gaspedal durch.

Sofort setzte der Wagen zurück, allerdings sehr schwerfällig. Die offenstehende Fahrertür hatte sich noch immer im Kopf des Toten verkantet. Es war ein kräftiger Widerstand. Zusätzlich stemmten sich einige der Monster gegen das Heck und machten das Rückwärtsfahren fast unmöglich.

Unter dröhnendem Geheul machte das Auto einen Sprung zurück, und gab den verkeilten Torso des Toten frei. Noch immer versuchten mehrere Hände, an Darijo heranzukommen. Er stoppte den Wagen, schaltete so schnell wie möglich in den Drive-Modus und gab Vollgas.

Nach nur wenigen Metern war er das letzte hartnäckige Händepaar losgeworden, und durch die Beschleunigung wurde die Fahrertür fast von allein zugezogen. Darijo griff nach der Tür und schloss sie endlich.

Dann atmete er tief durch. Im Rückspiegel konnte er die beiden Mädels nicht erkennen. Nervös drehte er den Kopf.

Valesca war in den Fußraum gekrochen und hatte sich übergeben. Patricia beugte sich zu ihr herunter und streichelte ihren Kopf.

Unsicher schaute Darijo zurück auf die Straße. Er gab den beiden Mädels so viel Privatsphäre, wie es ihm in dem Wagen möglich war. Die Fahrt zum Bashie Drugstore würde ein paar Minuten dauern. Vielleicht würden sie sich bis dahin etwas beruhigen. Er wusste ohnehin nicht, was er hätte sagen sollen. Dieses Erlebnis hatte alles von ihm abverlangt, und er war mit seinen Nerven vollkommen am Ende.


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