Lost New World

Inhalt

Der Beginn der Apokalypse aus Sicht von Darijo Fellows, einem Tagträumer, der in der alten Welt ein unscheinbarer junger Kerl ist. Erst in einer Welt voller Leid, Schmerz, Tod und voller Untoter muss er lernen, was Überleben wirklich bedeutet. Doch kann er dies schaffen?

Übersicht

01 - Sonnenstrahlen

02 - Ist das nicht Mr. Finley?

03 - Jungle Dust

04 - Die bösen Menschen

05 - Abfahrt

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Darijo und Patricia hatten sich einen Vorsprung von etwa hundert Metern erarbeitet. Es war nicht viel, aber immerhin befanden die beiden den jetzigen Abstand als sicherer als noch zuvor am Werbeturm.

Sie hielten das Tempo eines ambitionierten Joggers, doch lange würde Darijo dies wohl nicht mehr durchhalten können. Jeder Atemstoß wurde bereits mit lautem Japsen begleitet und sein Oberkörper war bereits leicht nach vorn gebeugt. Allein die Angst war es, die ihn ein Bein vor das andere setzen ließ.

»Was ist nur mit den Leuten passiert?«, fragte Patricia. Ihre Stimme hatte selbst jetzt ihren sanften Klang ohne einen Hauch von Erschöpfung.

»Eine Droge?«, mutmaßte Darijo.

Patricia wandte sich kurz der großen Verfolgergruppe zu. Das Feld hatte sich inzwischen stark verteilt. An vorderster Spitze waren nur noch drei dieser Leute, während die anderen deutlich langsamer über den gefurchten Acker vorankamen. Einige von ihnen waren gestürzt, hatten sich anschließend aber wieder aufgerappelt. »Wie sollen die alle eine Droge eingenommen haben?«

»Vielleicht über das Grundwasser. Es könnte mit irgendetwas kontaminiert worden sein und hat sie zu diesen Monstern mutieren lassen. Hast du heute schon Leitungswasser getrunken, Geschirr gespült, gebadet oder geduscht? Vielleicht muss man es nicht einmal trinken, sondern es genügt bereits, wenn es über die Haut in den Körper einzieht.«

Bei der Vorstellung lief Patricia ein kalter Schauer über den Rücken. »Aber wer sollte so etwas tun?«

»Terroristen.«

»Darijo, ich bitte dich. Powtry’s Mill ist so ein kleines Kaff, kein Terrorist hat jemals von diesem Ort gehört. Ich glaube kaum, dass wir ein bedeutsames Ziel für irgendeinen Anschlag wären.«

Darijo und Patricia eilten am Rand des Ackers entlang. Einige Meter neben ihnen verlief die erste Häuserreihe des Dorfs. Sollte einer dieser Verrückten in einem der Gärten zwischen den großen Einfamilienhäusern herumlungern und ihnen den Weg kreuzen, hatten sie ausreichend Abstand, um nicht überrascht zu werden und schnell die Richtung zu ändern.

»Vielleicht war es ein Unfall bei den Klärbecken.« Patricias Annahme war nicht wirklich besser als die über die Terroristen. "Ich habe erst kürzlich gelesen, dass Badesalz, in der Drogenszene als Jungle Dust bezeichnet, eine extrem berauschende Wirkung auf Menschen habe. Die Dopamin-Rezeptoren würden durch es länger aktiviert, was anfänglich das neurale Belohnungssystem stimuliere, aber auch die Aggressivität fördere, sodass die Konsumenten kaum noch zu bändigen seien. Selbst tierisches Verhalten sei eine Nebenwirkung, die diese Droge hervorrufen könne, und genau so verhalten sich schließlich die Leute hier.«

»Das ist die Strafe Gottes, weil die Powtry’s Children nicht artig waren«, merkte er spaßig an. Er konnte dieser christlichen Glaubensgemeinschaft nichts abgewinnen. Für ihn waren das alles nur fanatische Spinner, die sich durch Gott von all ihren Fehltritten freisprechen lassen wollten. Wie das letzte Wort seinen Mund verlassen hatte, bemerkte er seinen Fehler jedoch schon, noch bevor er einen angewiderten Blick von Patricia zugeworfen bekam.

»Auf solche Sprüche kann ich getrost verzichten. Ich brauche jetzt keine Schuldzuweisungen und schon gar keinen Vortrag über meinen Vater.«

Patricias Dad war der Pastor der Powtry’s Children und er nahm diese Berufung absolut ernst. Jede freie Minute opferte er für die Gemeinschaft, und natürlich waren auch Patricia und ihre Mutter Mitglieder.

Schnell musste Darijo seine dämliche Anmerkung mit etwas Nützlichem überdecken. »Bevor wir uns intensiver damit befassen, was die Ursache für das krankhafte Verhalten ist, sollten wir genauestens darüber nachdenken, was wir als Nächstes machen«, schlug er vor. »Im nächsten Krankenhaus anrufen? Den Heimatschutz verständigen? Wo sind wir sicher vor diesen Irren? Ich meine, dieser Typ wollte erst dich beißen und dann mich. Das ist eine ernste Sache.«

»Natürlich ist das eine ernste Sache«, plärrte Patricia ihm entgegen. Sie war auf einen Schlag hysterisch geworden. »Ich will zu meiner Familie. Ich hoffe, ihr geht es gut.«

»In Ordnung«, bestätigte Darijo kleinlaut. Er wollte keine Widerworte geben und erst recht nichts mehr sagen, was Patricia nicht hören wollte. Dabei wollte er eigentlich so schnell wie möglich die eigenen Klamotten wechseln und sich am liebsten noch abduschen, auch wenn Letzteres in Hinsicht ihrer bisher angestellten Vermutungen keine gute Idee war. Die Trainingshose miefte bereits vom Urin und auch sein Oberkörper war nassgeschwitzt. Für gewöhnlich rannte er nicht und schon gar nicht so lange. Wann immer ihm sich die erstbeste Gelegenheit bot, würde er diese stinkenden Klamotten wechseln, aber jetzt hatte Patricias Vorhaben Vorrang. »Dann gehen wir zu dir.«

»Du willst mitkommen?«, fragte Patricia überrascht.

»Ich lasse dich in dieser Situation doch nicht alleine.« Obwohl er es in erster Linie aus Sorge um die junge Frau mit dem feuerroten Haar gesagt hatte, kam es bei ihr wohl nicht so an.

»Ich kann schon auf mich allein aufpassen.«

Ihre Stimme war giftig und hatte etwas Erniedrigendes an sich. Für einen Augenblick glaubte Darijo, dass sie noch etwas ergänzen wollte, stattdessen presste sie die Lippen zusammen und schwieg. Schließlich hatte er ihr das Leben gerettet, und es wäre wohl für beide peinlich gewesen, wenn man dies nochmals hätte erwähnen müssen.

»Es wird schon alles gut sein daheim«, sagte Patricia.

Die beiden bogen in eines der Grundstücke ein, schritten aufmerksam über den kürzlich gemähten Rasen und mussten nur noch an ein paar Häusern vorbei, bis sie bei Patricias Elternhaus waren.

Die Straße, auf der sie nun liefen, war menschenleer und totenstill. Es war unheimlich wie in einer Geisterstadt. Durch die Häuserreihe war sogar das grässliche Stöhnen und Knurren ihrer Verfolger verflogen. Doch wirklich beruhigend war die Stille nicht, denn beide wussten genau, dass diese Monster nicht weit weg waren.

»Außerdem ist es gar nicht verkehrt, dass ich dich begleite. Wenn wir die Situation zusammen schildern, ist es glaubwürdiger. Müssten wir es meine Eltern erzählen, würden sich totlachen. Sie würden mir erst glauben, wenn einer dieser Junkies in der Küche stehen und mit gefletschten Zähnen auf Mom losgehen würde.«

Ein knappes Feixen verließ Patricias Mund. »Ich weiß nicht, ob meine Eltern mir mehr glauben werden, wenn du bei mir bist«, merkte sie an. »Du hast nicht den besten Ruf hier im Dorf.«

Patrica stieß einen zittrigen Atemstoß aus, als sie das Haus erreichten. Nervös hielt sie auf dem Gehweg davor inne und suchte nach Anhaltspunkten, die auf die Situation im Inneren hindeuteten. Nach wenigen Augenblicken entdeckte sie etwas und streckte daraufhin ihren Hals, um besser durchs Fenster hineinblicken zu können.

Zuerst wirkte alles normal. Offenbar ging es ihren Eltern gut. Zumindest befanden sich ihre Mutter und ihr Vater in der Küche. Patricia machte einen Schritt auf den perfekt gepflegten Rasen des Vorgartens und ging direkt aufs Küchenfenster zu.

Gleich darauf wurde sie von ihren Eltern bemerkt. Sie schenkte ihnen ein Lächeln und winkte.

Niemals würde Darijo dieses Bild aus dem Kopf bekommen. Genauso wenig wie Patricia. Ihre Mutter stemmte beide Hände gegen die Scheibe, dann knallte sie mit dem Kopf dagegen. Sie drückte gegen das Glas, als würde die Barriere gar nicht da sein. Auch ihr Vater registrierte sie, wandte sich zum Fenster um und tat es seiner Frau gleich. Genau wie die anderen Bestien hatten sie alles um sich herum ausgeblendet und nahmen ausschließlich von Patricias und Darijos Anwesenheit Notiz und knurrten sie an.

Nur einen Herzschlag später sank Patricia verzweifelt auf die Knie. Aus dem leisen Schluchzen wurde kurz darauf ein schmerzliches Weinen. Während ein Meer aus Tränen ihre Wangen herabfloss, streckte sie ihren Eltern eine Hand entgegen. Tiefste Verzweiflung und Trauer hatte sie übermannt. Es war unbeschreiblich. Eine unvorstellbare Tragödie.

Obwohl es nicht Darijos Eltern waren, die jenseits des Fensters standen und sich mit Kopf und Händen gegen dieses stemmten, schnürte sich auch seine Kehle zu. Mit weit aufgerissenen Augen stand er da und wusste nicht, was er machen sollte. Es gab keine tröstenden Worte und alles Mitgefühl der Welt hätte nicht genügt, um den Schmerz in Patricias Herz zu betäuben.

Es verging eine Minute, dann ergriff Darijo die Initiative. Sie mussten hier weg, und das so schnell wie nur irgendwie möglich. Er ging auf Patricia zu, stellte sich schräg vor sie, beugte sich zu ihr herunter und packte sie unter den Achseln. Er musste sie hochhieven und von hier fortbringen. Wie erwartet wehrte sie sich dagegen. Sie machte sich schwer und verweigerte sich seinem Zugriff.

Darijo setzte noch ein zweites und auch ein drittes Mal an. Doch je mehr er sich bemühte, umso größer wurde Patricias Widerstand. Sie stand vollkommen neben sich, war in Gedanken bei ihren Eltern und weinte verbittert und verzweifelt. Er konnte es ihr nicht einmal verübeln. Aber es gab noch andere Dinge, die sie berücksichtigen mussten. So schrecklich es auch war, dass ihre Eltern an den verrückten Erscheinungen litten, so durften sie die Gruppe von Kannibalen nicht vergessen, die auf dem Weg zu ihnen war. Sie konnten nicht ewig hier verharren, aber genau das beabsichtige Patricia offenbar.

Auch Darijo konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Das grauenvolle Bild, dass sich den beiden bot, hatte auch bei ihm einen bleibenden Schaden angerichtet. Aber es musste weitergehen; für ihn und für Patrica. Deswegen machte sich der Junge über den nächsten Schritt Gedanken. Sie hatten eine Vielzahl an Optionen, aber die beste von ihnen war noch immer die Flucht mit dem herrenlosen Daewoo auf der Hauptstraße. Einige Notwendigkeiten konnten sie im Bashie Drugstore besorgen. Doch dann traf es Darijo wie ein Blitz.

»Valesca!«

Als Patricia den Namen hörte, riss sie umgehend die Augen weit auf. Ihre Pupillen zitterten hinter den Tränen. Sie stand offensichtlich unter Schock, aber der Name trieb einen Beschützerinstinkt hervor, der sie hochschnellen ließ. »Meine Schwester«, sagte sie und schaute dabei in die obere Etage des Hauses. »Komm mit, schnell!«, forderte sie und machte sich auf den Weg zur Rückseite des Hauses. Innerlich rügte sie sich so sehr dafür, dass sie nicht eher an ihre kleine Schwester gedacht hatte. »Als ich vorhin das Haus verlassen habe, spielte sie gerade in ihrem Kinderzimmer.« Sie zeigte auf ein Doppelfenster, das über einem steilen Dachvorsprung lag. Verzweifelt legte Patricia die Hände an die Mundwinkel und wollte gerade nach ihrer Schwester rufen.

»Nein, nicht«, hielt Darijo sie davon ab und zog ihre Hand rabiat vom Mund weg. »Wenn du sie rufst, werden die Anderen in Kürze hier sein.«

Patricia gab dem Jungen mit einem hastigen Nicken eine Bestätigung. Zugleich ertappte sie sich dabei, wie kurzsichtig sie im Augenblick dachte und handelte. Sie war vollkommen überfordert, seitdem sie gesehen hatte, dass ihre Eltern von dieser Droge befallen waren. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass es wenigstens ihrer Schwester noch gut ging. Wenn nicht, hätte sie sie alle verloren. Ihre gesamte Familie. Unbeholfen und fragend starrte sie Darijo an.

»Such einen kleinen Stein, den wir ans Fenster werfen können.«

Die beiden sondierten den Boden. Doch nirgendwo auf dem gut gepflegten Rasen konnten sie etwas finden.

»Die Blumenrabatte. Daneben ist eine Reihe mit Ziersteinen«, fiel ihr ein. Sofort hastete sie dorfthin und schaufelte sich die Hände voll. Die Hälfte der Steine reichte sie Darijo. Noch während dieser zögerte, warf sie bereits den ersten erdbeergroßen, weißen Stein in Richtung des Fensters.

Darijo tat es ihr gleich. Sie brauchten mehrere Versuche, aber zwei der Steine trafen schließlich auf die Scheibe und hinterließen dumpfe Aufprallschläge, die Valesca eigentlich hören musste.

Wie aufs Stichwort trat das kleine Mädchen ans Fenster und blickte herab.

Sofort wedelte Patricia wild mit den Armen über ihrem Kopf, als wäre ihre Schwester ein Rettungshubschrauber. Doch ihre Muskeln erschlafften regelrecht, als auch Valesca die Hände und den Kopf gegen das Fenster presste. »Oh mein Gott«, entglitt es ihr, als sie das Schlimmste vermutete. »Nein ... nein ... nein«, winselte sie und schleuderte den letzten in ihrer Hand verbliebenen Stein voller Wucht gegen die Hausfassade. Das war zu viel für sie.

Darijo wandte seinen Blick nun auch von dem kleinen Mädel ab, und drehte sich zu Patricia um. Er wollte sie trösten, sie in den Arm nehmen und irgendetwas zu ihr sagen. Doch bevor er dazu kam, hörte er ein scharrendes Geräusch von oben.

Sofort schnellten ihre Blicke wieder zurück zum Fenster. Es stand nun offen und Valesca hatte sich weit vornübergebeugt.

»Pati«, hauchte die Kleine nach draußen.

»Vale«, entgegnete Patricia voller Erleichterung in der Stimme.

Im selben Augenblick vernahmen die drei ein Stöhnen. Darijo schnellte herum und suchte nach der Herkunft des Geräuschs. Noch war niemand zu sehen, aber es würde nicht mehr lange dauern, dann tauchte mindestens einer dieser Verrückten auf. Das Ächzen war bedrohlich nah, aber ein klein wenig Zeit hatten sie noch.

»Mommy und Daddy sind seltsam. Ich glaube, dass sie sich gestritten haben und nun böse sind«, flüsterte Valesca vom Fenster herunter.

Daraufhin wurde Darijo erwartungsvoll von den beiden Mädels angeschaut.

Er überlegte kurz, suchte nach einem Ausweg, und schlussendlich sah er nur eine Möglichkeit. Diese Worte fielen ihm alles andere als leicht. »Du musst aus dem Fenster steigen und über das Vordach zu uns herunter klettern.«


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