Lost New World

Inhalt

Der Beginn der Apokalypse aus Sicht von Darijo Fellows, einem Tagträumer, der in der alten Welt ein unscheinbarer junger Kerl ist. Erst in einer Welt voller Leid, Schmerz, Tod und voller Untoter muss er lernen, was Überleben wirklich bedeutet. Doch kann er dies schaffen?

Übersicht

01 - Sonnenstrahlen

02 - Ist das nicht Mr. Finley?

03 - Jungle Dust

04 - Die bösen Menschen

05 - Abfahrt

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Hatte das dieser komische Junge tatsächlich gesagt? Valesca schaute ungläubig aus dem Fenster. Jetzt verstand sie auch, warum Patricia und ihre Eltern so schlecht von ihm gesprochen hatten. Er wäre ein unzuverlässiger Taugenichts hatte Daddy immer gesagt. Ihr war nie klar gewesen, warum er überhaupt Gesprächsthema bei den gemeinsamen Abendessen gewesen war, doch jetzt lag es auf der Hand. Sie erkannte diesen speziellen Blick, den dieser Darijo ihrer großen Schwester zuwarf. Dieser war so eindeutig, dass selbst die kleine elfjährige Valesca es verstand.

»Soll ich wirklich aus dem Fenster klettern, Pati?«

Patricia hatte beide Hände vor den Mund gelegt und ihre Augen waren nass. Sie war furchtbar traurig, so wie sie da unten hilflos im Garten stand. Sie schluchzte, nickte ihr aber dann verhalten zu. »Du musst es tun«, presste sie hervor.

Valesca schüttelte den Kopf. Patricia war vielleicht die große Schwester, aber musste sie deswegen auf sie hören? Mommy und Daddy würden sich bestimmt bald wieder vertragen, also gab es keinen Grund für diese Aktion. »Wenn ich zu euch kommen soll, kann ich mich einfach an unseren Eltern vorbeischleichen.«

Sofort wedelte Patricia mit den Armen und auch dieser Darijo schien von dem Vorschlag alles andere als begeistert.

»Nein«, sagte Patricia, »das ist zu gefährlich. Wenn sie dich erwischen, passiert etwas Fürchterliches.«

»Was soll denn schon passieren?«

Valesca hatte die Frage noch nicht ganz ausgesprochen, da polterte es an der Tür. Aufgeschreckt fuhr sie herum und stieß sich dabei den Kopf am Fensterrahmen.

»Aua«, entfuhr es ihr und sie rieb sich hastig die schmerzende Stelle. Zugleich sah sie zu, wie jemand von außen wild an der Tür rüttelte. Ihr Herz begann zu rasen und sie wurde unsicher. Was war nur mit ihren Eltern los?

»Vale?« Ihre Schwester rief nach ihr.

Valesca drehte sich zurück und schaute wieder aus dem Fenster. »Mommy oder Daddy wollen hinein. Ich habe die Tür abgeschlossen.« Sie verdrehte die Augen, weil sie das nicht durfte. Es war eine der Regeln, die Mommy aufgestellt hatte. »Diesmal nehmt ihr mir den Schlüssel bestimmt weg, aber –«

»Das hast du gut gemacht«, sagte Patricia.

Jetzt war Valesca völlig durcheinander. Normalerweise stand Patricia auf der Seite ihrer Eltern, wenn es um die Regeln ging. Ganz besonders bei der Sache mit der abgeschlossenen Tür. Sie hatte schon mehrfach gegen diese Regel verstoßen und mit einer deftigen Strafe gerechnet. Aber ein Lob?

»Spielen wir verkehrte Welt

»Hör zu«, funkte Darijo dazwischen. »Du musst unbedingt zu uns herunterklettern. Sofort.«

Sie gab nichts darauf, was er sagte. Es nervte sie sogar. Wer war er, dass er ihr sagte, was sie zu tun und zu lassen hatte? »Ich höre nicht auf diesen Taugenichts.« Valesca richtete die harsche Worte an ihre große Schwester. Sie würde ihn hoffentlich zurechtweisen. Verdient hatte er es.

»Taugenichts?« Darijo wandte sich empört zu Patricia um.

Irgendetwas flüsterte sie ihm zu, das Valesca nicht hören konnte, obwohl sie neugierig die Ohren spitzte.

»Vale, du musst«, sagte Patricia nun wieder zu ihr gerichtet, »auf ihn hören. Bei uns bist du sicher.«

»Sicher?«

»Ich erkläre es dir, wenn du unten bist. Aber du musst jetzt aus dem Fenster steigen. Bitte.«

Rügend wedelte sie mit dem Zeigefinger. »Das verlangt die, mit der wahnsinnigen Höhenangst in der Familie.«

»Wenn sie nicht kommt, dann müssen wir ohne sie gehen. Die anderen werden bald hier sein.« Darijos Worte reichten bis zu Valesca ans Fenster. Er war aufgewühlt. Er konnte nicht ruhig stehen und immer wieder drehte er sich nervös herum und suchte nach irgendetwas.

»Ich komme nur heraus, wenn der Taugenichts verschwindet.«

Die Reaktion darauf war ein mürrisches Schnauben. Patricia wechselte verunsicherte Blicke zwischen dem Jungen und Valesca.

Im gleichen Augenblick donnerte es stärker gegen die Zimmertür. Valesca schaute zurück. Das Poltern und Klopfen war ungezähmt. Die Härte der Schläge trieb sofort wieder diese bizarre Angst in sie hinein. Wieso waren Mommy und Daddy nur so aufgebracht? Valescas Atmung war nun stockend und allmählich wurde sie so bleich wie ihre Schwester.

Immer wieder wanderte ihr Blick zwischen Tür und Fenster hin und her. Sie wusste nicht, was richtig oder falsch war. Aber die Wucht der Hiebe gegen die Tür machten ihr nun richtig Angst. Ihre Eltern waren auf dem besten Weg, die Tür gewaltsam aufzubrechen. Das bedeutete, dass sie verdammt wütend waren, und deswegen war die Flucht durch das Fenster wohl doch die beste Lösung. Zumindest machte dies im Augenblick den Anschein.

»Ich komme herunter.« Valesca stemmte die Hände auf das Fensterbrett und kletterte hinaus. Obwohl das Hämmern gegen die Tür aufreibend war, so fühlte sich dies gerade wie ein verrücktes Abenteuer an. Wenn das alles vorbei war, würde sich alles zum Guten wenden, da war sie sich sicher.

Als sie mit beiden Füßen auf dem schmalen äußeren Fenstersims stand, drehte sie sich filigran um die eigene Achse wie eine geübte Geräteturnerin am Reck. Langsam schob sie das erste Bein vom Brett und tastete mit dem Fuß vorsichtig die getäfelte Hausfassade ab. Dann nahm sie das zweite Bein hinterher, sodass nur noch ihr Oberkörper auf dem Fenstersims auflag. Ihre Hände umklammerten noch den unteren Fensterrahmen und boten ihr zusätzlichen Halt. Wenn sie weiter herunterkommen wollte, musste sie jedoch loslassen.

»Das war eine blöde Idee, Pati.«

»Du schaffst das.«

»Konzentrier dich, damit du nicht abrutschst«, bemerkte Darijo.

»Der Typ ist ja noch immer da.«

»Aber er hat recht.«

Valesca konnte hören, wie Darijo fluchte. Auch ein ›sie soll sich beeilen‹ hatte sie deutlich gehört.

Dann sprang die Zimmertür aus ihren Angeln. Mit einem lauten Knallen flog sie gegen die Wand und sofort darauf betraten ihre Eltern das Zimmer. Mit verächtlichen Knurrlauten suchten sie nach ihr und entdeckten sie sofort.

Valesca erwartete eine Schimpftirade, weil sie gerade durch das Fenster fliehen wollte. Aber ihre Eltern brachten keinen menschlichen Laut heraus. Es blieb bei dem seltsamen Stöhnen, das sie seit Stunden von sich gaben.

Ein abgebrochener Schrei kam über Valescas Lippen. Als sie die angsteinflößenden Gesichter ihrer scheinbar verrückt gewordenen Eltern aus nächster Nähe sah, ließ sie erschrocken den Fensterrahmen los und fiel auf das Vordach, zu dem noch einige Zentimeter gefehlt hatten. Sie purzelte auf die Schindeln, fand aber schnell einen sicheren Halt.

Sie blickte zum offenen Fenster und das Gesicht ihrer Mutter kam zum Vorschein. Ihre Haut hatte eine ungesund wirkende Blässe. Dann wurde sie von ihr angestiert. Ihre Augen waren leer und gleichgültig. Doch am schlimmsten war, dass ihre Muter ihr hinterher klettern wollte. Ganz eindeutig schob sie ihren Oberkörper immer weiter heraus und haschte mit beiden Händen nach Valesca.

Ungewollt jagte ein weiterer Schrei ihre Kehle herauf. Die Angst ließ keinen Spielraum für solche Vorsicht, mit der sie anfangs aus dem Fenster gestiegen war. Jetzt wollte sie nur noch nach unten zu Pati und diesem Taugenichts.

Auf dem Allerwertesten rutschte sie das schräge Vordach herab, bis sie schließlich bei der angebrachten Dachrinne ankam. Zwischen dem Dachrand und dem Boden lagen noch gut zwei bis drei Körperlängen.

Valesca zwang sich zu einem prüfenden Blick über die Schulter. Ihre Mutter hatte sich schon fast komplett durch das Fenster geschoben. Gleich würde sie ebenfalls draußen sein und sie schnappen.

Niemals konnte Valesca es schaffen. Nicht in der kurzen Zeit, die ihr blieb. Sie suchte geschwind nach Möglichkeiten, von dem Dach herunter zu kommen, doch es gab keine.

Sie vernahm einen lauten Aufprall hinter sich, und Patricia legte ungläubig die Hände über den Kopf. Valesca brauchte sich nicht erneut umzusehen, sie wusste auch so, dass ihre Mutter nun ebenfalls auf dem Vordach war.

»Ich werde springen«, sagte Valesca verzweifelt.

Patricia und Darijo starrten sich fragend an, stimmten dann jedoch mit einem Nicken zu.

»Ich werde dich auffangen«, sagte Darijo.

Einmal atmete Valesca durch, dann ging sie in die Hocke und sprang mit ihren jungen, kräftigen Beinen nach vorne ab.

Mit halboffenen Armen erwartete Darijo sie bereits.

Mit voller Wucht knallte sie auf ihn und warf ihn mit der ungebremsten Kraft eines elfjährigen Mädchens zu Boden. Die Landung war zwar nicht so sanft, wie sie es sich erhofft hatte, ganz besonders, weil sie mit ihrer Stirn gegen die von Darijo knallte und für einen kurzen Moment bunte Sterne vor ihren Augen sah, aber immerhin war sie jetzt unten.

Gleich darauf vernahm sie einen beißenden Geruch, der von dem Jungen ausging, und rümpfte die Nase. Darijos Sachen waren komplett nassgeschwitzt und stanken widerlich. Sie richtete sich auf und eilte zu ihrer großen Schwester.

Vor Erleichterung hätte sie beinahe auch Patricia umgerannt, als sie ihr in die Arme lief. »Was ist nur los mit ihnen?«

Patricia drückte sie ganz fest an sich heran. Sie war offensichtlich heilfroh, dass Valesca es unversehrt bis nach unten geschafft hatte. »Ich bin so froh, dass du bei mir bist.«

»Leute, wir müssen hier sofort weg«, sagte Darijo, der noch immer auf dem Rücken lag und sah, wie ihre Mutter auf dem Vordach immer weiter auf sie zu kroch.

»Lass uns von hier verschwinden, Vale. Mom und Dad sind krank und deswegen gefährlich.«

Dieser Satz war das Schlimmste, was Patricia jemals zu ihr gesagt hatte. Die Bedeutung hinter den Worten verstand sie vielleicht nicht, aber sie sorgten dafür, dass die unvorstellbare Angst in ihr noch größer wurde. Etwas, das sie nicht für möglich gehalten hatte.

Irgendetwas war nicht richtig. Absolut nicht.

»Wo gehen wir hin?«, wollte Valesca wissen.

»Wir müssen aus der Stadt, so schnell wie möglich. Darijo hat ein Auto gesehen, er wird uns dorthin bringen.«

Valesca schaute zu dem Taugenichts, der sich inzwischen wieder aufgerappelt hatte. Dieser Junge war scheinbar ihre einzige Hoffnung.

»Vorsicht«, schrie Patricia.

Sofort zuckte Valesca zusammen. Doch die Warnung galt nicht ihr, sondern Darijo. Als sie zum Dach hochschaute, wusste sie sofort, warum ihre Schwester so hysterisch war.

Noch ehe Valesca einen klaren Gedanken fassen konnte, stürzte ihre Mommy bereits kopfüber vom Vordach. So unbedacht, wie sie ihrer kleinen Tochter durch das Fenster gefolgt war, genauso hatte sie sich jetzt auch vom Dach gestürzt. Bis zur Dachrinne war sie gekrochen und dann hat sie sich einfach fallen lassen, wenn Valesca es richtig gesehen hatte. Vollkommen hemmungslos und schmerzfrei.

Darijo machte einen großen Satz zur Seite und konnte geradeso der herabstürzenden Frau ausweichen.

Mit einem beängstigenden Knacken schienen gleich mehrere wichtige Knochen und Gelenke zerbrochen zu sein. Es war grässlich. Doch zum Glück bewegte sie sich noch und gab weiterhin dieses irrsinnige Stöhnen von sich. Es hatte sich kein bisschen verändert, es zeugte nicht von Schmerz. Es war dasselbe unmenschliche Stöhnen, mit dem sie auch in das Kinderzimmer gekommen war.

Die Gruppe machte ein paar Schritte von dem Dachvorsprung und der im Rasen liegenden Frau zurück. Valesca wurde von ihrer Schwester weggezogen.

Tränen bahnten sich den Weg über Valescas Gesicht. Sie sah ihre Mutter im Gras liegen und machte sich fürchterliche Sorgen. Sie wollte zu ihr. Sie musste nach ihr sehen. Doch Patricia hielt sie fest umklammert.

»Mommy«, sagte sie. »Mommy?«

Sie schüttelte sich und wollte sich von Patricia losreißen, doch ihr Griff wurde immer fester. »Lass mich zu ihr.«

»Gerade ist sie nicht unsere Mutter«, sagte Patricia.

Valesca konnte das nicht verstehen und sie wollte das auch gar nicht hören. Sie wollte einfach nur ihre Mommy trösten. Sie war gerade von einem Dach gestürzt und schlimm mit dem Kopf aufgeschlagen. »Wieso tust du denn nichts, Patricia? Wir müssen ihr helfen.«

»Das geht nicht. Es ist zu gefährlich.«

»Nein. Das glaube ich dir nicht. Lass uns nach ihr sehen.«

Immer weiter wurde Valesca von ihrer Mutter weggezogen. Sie wehrte sich immer stärker dagegen, wollte sich ins Gras werfen, doch ihre große Schwester ließ nicht locker.

Valesca war verzweifelt und schließlich schrie sie in einer Mischung aus Angst und Widerstand. Vielleicht würde es helfen, wenn sie nur laut genug war.

»Sei still!«, verlangte Darijo und kam bedrohlich nah an sie heran. Er war aufgebracht und führte seine offene Hand direkt vor ihr Gesicht, als wollte er ihr den Mund zuhalten.

Valesca strampelte wie wild und schüttelte heftig den Kopf. Mit den Händen schlug sie gegen Patricias Unterarme, mit denen sie ihre Brust umklammerte. All das war vergebene Mühe. Aber selbst jetzt schimpfte Patricia nicht mit ihr. Sie setzte all ihre Kraft darin, sie nicht loszulassen.

Schlagartig erstarrte Valesca. Hinter dem Nachbarshaus tauchte plötzlich eine Gruppe von Menschen auf, die ebenso stöhnten, fauchten und knurrten wie ihre Eltern. Auch ihre Haut war blass, aber auch dreckig. Die Sachen waren zerrissen und teilweise blutig.

Valesca wusste nicht, was vor sich ging. Aber das war der Moment, in dem sie verstand, dass diese Menschen böse waren. Sie blickte verzweifelt auf ihre Mutter, die sich nun auch aufgerichtet hatte.

Ihr Kopf hing schief, als würde sie eine ulkige Grimasse zu Halloween schneiden wollen. Jedoch war dies kein blödsinniger Scherz, sondern die Folge des Sturzes vom Vordach. Es war ein grausames Bild und fühlte sich an wie ein Messerschnitt mitten ins Herz, als ihre Mutter trotz offensichtlicher Schmerzen die Hände erneut nach ihr ausstreckte, wieder dieses menschenfremde Knurren hervorbrachte und sich dem Mob von bösen Leuten anschloss.

Valesca verstand nicht viel, nicht einmal einen Bruchteil von dem, was da vor sich ging. Aber was sie verstand, war, dass ihre Eltern nun zu den Bösen gehörten.

Nachdem sich Valesca nicht mehr gegen ihre Schwester wehrte, lockerte sie den Griff und nahm ihre Hand. Sie mussten davonrennen. Denn sollten die bösen Menschen sie erwischen, wäre alles vorbei.

Valescas Herz schlug wie das eines Kolibris. Es hämmerte tausendmal die Sekunde und ihr Körper fühlte sich an, als würde sie verbrennen. Eine unsagbare Angst hatte sie ergriffen und alles war auf einmal anders. Irgendwie bedeutungslos.

Valesca musste ihren Blick von den stöhnenden Menschen ablassen. Sie konnte sie nicht länger ansehen, konnte nicht länger nach ihrer Mommy in der Menge suchen. Das ertrug sie nicht. Also umklammerte sie die Hand ihrer großen Schwester, so fest sie nur konnte, und schaute zu ihr auf. Jetzt würde sie gehorchen und alles tun, was Patricia ihr sagte.


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